Warum ich ein (leibliches) Kind haben wollte. [Muddi-Artikel]

Während meiner Schwangerschaft hörte ich oft den Satz „Ich bin so gespannt, wie er aussehen wird!“ So richtig hat es aber keiner formuliert. Denn die meisten wollten wohl sagen „Ich bin gespannt, wie deine Gene“ (Südost-Asiatin, dunkle Haut, durchschnittliche 168cm) „und die deines Mannes“ (Mitteleuropäer, helle Haut, 190cm groß) „in eurem Sohn raus kommen.“ Und ja, ich war auch gespannt. Die Familie meines Mannes hat immer orakelt, dass er bestimmt groß wird, wenn er besonders viele von ihren Genen abbekommt (in seiner Familie sind alle recht groß ). Insgeheim hoffte ich ja, dass er besonders viel von mir abbekommt: asiatische Augen, dunkle Haut, schwarze Haare. Ich freute mich auf eine kleine Version von mir, ein Spiegelbild, ein Mini-Me. Ich wünschte mir das so sehr, habe das aber nie jemandem erzählt, weil ich ja sowieso keinen Einfluss darauf hatte. Zudem wäre die Frage gekommen: Warum ist dir das so wichtig? Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein bißchen ausholen.
Ich bin die Jüngste von drei Töchtern. Meine älteste Schwester ist vier Jahre älter als ich, sie wurde von unseren Eltern aus Peru adoptiert. Ihre Haare sind tiefschwarz, ihre Haut leicht dunkler als die mitteleuropäische. Meine nächstältere Schwester ist zwei Jahre älter als ich und ist das leibliche Kind unserer Eltern. Sie hat sehr helle Haut und lange blonde (okay, blondierte) Haare. Jeder, der uns sieht, würde uns nicht für Schwestern halten. Diese Unglaubwürdigkeit haben Menschen gern auch schon früher laut zum Ausdruck gebracht. Beim Anblick meiner Mutter mit uns dreien: „Die treibt’s auch mit jedem!“ Oder auch das Gegenteil. Man wollte unserer Mutter Geld zustecken, weil man dachte, sie würde für ein Kinderheim arbeiten. Dass jede von uns anders aussieht und zwei von uns nicht die leiblichen Kinder unserer Eltern sind, war für uns niemals relevant. Wir haben gestritten und uns versöhnt, wir haben unsere Eltern stolz gemacht und Sorgen bereitet, ganz wie es Kinder eben tun.

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Meine Schwestern und ich

Adoptierte Kinder teilen sich grob gesagt in zwei Kategorien. Die, für die ihre Adoptivfamilie ihre „richtige“ Familie ist, und die, die sich nie richtig zugehörig und identitätslos fühlen, auch wenn sie ihre Adoptivfamilie sehr lieben. Für die erste Kategorie kommt wohl trotzdem oft der Zeitpunkt, an dem sie zumindest ihr Geburtsland kennen lernen wollen oder sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern machen. Dieser Zeitpunkt geht oft mit der Gründung einer eigenen Familie einher. Hochzeit oder die erste Schwangerschaft bringen Gedanken rund um Herkunft und Zukunft mit sich. Ich selber habe das gemerkt, als wir meine Geburtsurkunde von der Botschaft in Berlin anfordern mussten.

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Meine Schwestern und ich

Ich fühle mich ganz und gar als Tochter meiner Eltern, ich fühle, dass Stuttgart meine Heimat ist. Für mich gibt es keinen Grund nach meinen leiblichen Eltern zu suchen. Trotzdem gibt es eine Sache, die tief in meinem Herzen schlummert, die ich ich noch nie laut ausgesprochen habe: In meiner Familie sieht mr keiner ähnlich. Einige von euch werden jetzt denken: Na, ist doch nicht schlimm, ich sehe weder wie meine Mutter noch wie mein Vater aus. Wenn ihr jetzt aber weiter denkt und vielleicht Bilder von euren Vorfahren anschaut oder die Kinder eurer Geschwister seht, dann blitzt da vielleicht doch eine Ähnlichkeit auf.

In meiner Familie sind optische Ähnlichkeiten kreuz und quer vorhanden. Die Töchter meiner Schwester sehen ihr so ähnlich, dass ich von weitem kaum sagen kann, wer da vor dem Haus steht. Und auch untereinander sehen ihre Kinder sich alle so ähnlich, dass man auf Kinderfotos nicht sagen kann, wer das nun ist. Es ist tatsächlich nur an der Jahreszahl zu erkennen. In der Stammfamilie meines Vaters gibt es die Kinnfalte. Mein Großvater und Großonkel haben eine richtige Spalte am Kinn, mein Vater eine Falte und meine Schwester ein tiefes Grübchen. Nicht, dass ich diese Kinnfalte haben möchte, aber es ist eben eine vererbte Ähnlichkeit, die ich so nicht habe. Auf dem Video unserer Hochzeit huscht ab und zu eine Person durchs Bild, die entweder mein Mann oder mein Schwiegervater sein könnte. Es ist nicht ganz klar, denn Statur, Haar, Größe und Bewegungen sind bei den beiden sehr ähnlich. Wenn meine Schwester in einem bestimmten Winkel nach unten schaut, sieht sie genau so aus wie meine Mutter auf diesem Bild aus den 70er Jahren: die blonden  Haare, das Gesicht, die Mimik.

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Meine Mama und ich

Und so gibt es viele, viele Beispiele für optische Ähnlichkeiten. Nur meine Optik beginnt und endet bei mir. So war es jedenfalls bisher. In der Schwangerschaft habe ich oft darüber nachgedacht, ob es Vor- oder Nachteile für meinen Sohn geben könnte, wenn er besonders wie ich aussieht. Einen kleinen Asiaten in Zeiten von Pegida und brennenden Flüchtlingsheimen in die Welt zu setzen, ist möglicherweise ein Wagnis. Wobei Stuttgart an sich, eine zwar sehr konservative, aber dennoch „offene“ Stadt ist. Hier trifft man viele Schwaben, die nicht wie Schwaben aussehen. Jetzt erst verstehe ich, wie schwer es für meine Eltern in den 80er Jahren gewesen sein muss, Kinder zu haben, die optisch nicht in unseren Stuttgarter Vorort gepasst haben. Wie die Leute geguckt haben; wie man seine Kinder gern vor fremden Gaffern beschützt hätte.

Anna im Backwahn
Ich als Baby

Die Gaffer kennen mein Mann und ich zur Genüge. Oft schauen uns Menschen an, nein, sie starren eher. Und in ihren Augen spiegeln sich Gedanken wie „Aus welchem Katalog hat der die wohl bestellt?“ Paare gemischter ethnischer Herkünfte sind hier wohl immer noch aufsehenerregend. Und da ist es ganz egal, ob wir uns mitten in der Innenstadt befinden oder im Baumarkt auf dem Land. Gerne schwäbel ich dann besonders ausführlich, um die Menschen noch mehr zu verwirren.
Aber kommen wir zurück zu meinem Sohn. Als mein Mann und ich begannen, über eine kleine Familie nachzudenken, gab es für uns zwei Optionen: ein Kind auf natürlichem Weg zu bekommen oder einem Kind die Möglichkeit zu geben, Teil unseres Lebens zu werden. Für viele Paare ist Adoption keine Option, weil natürlich ein Teil der körperlichen Erfahrungen weg fallen und man eben auch nicht seine Gene weiter gibt. Als wir einige Rückschläge hinnehmen mussten, war ich schon kurz davor, mich zum Thema Adoption zu informieren. Ich wusste aus den Unterlagen meiner Eltern, dass viel Schreibkram durch viele Hände gehen muss, und man viel Geduld mitbringen muss bis man ein nicht-leibliches Kind „mein Kind“ nennen kann. All dies und eben die Tatsache, dass ich gerne ein kleines Mini-me gehabt hätte, hat mich der Natur nochmal eine Chance geben lassen.


Gegen Ende der Schwangerschaft habe ich mir nicht mehr viele Gedanken darüber gemacht, wie mein Sohn aussehen würde. Ich dachte nur „Hoffentlich tut das Ganze nicht so weh – Hoffentlich dauert die Geburt nicht drei Tage – Hoffentlich geht alles gut – Hoffentlich erkenne ich die Wehen, wenn es soweit ist…..“ Nach einer kurzen, nur am Ende etwas aufregenden Geburt war er endlich da. Ihm hing noch diverses Zeug in den Haaren und am Körper, aber eines konnte meine Mutter schon feststellen: „Er sieht aus wie du, als ich dich damals heimgeholt habe.“ Das war so schön und tat mir so gut.
Und auch jetzt, über 7 Monate nach seiner Geburt, sehe ich viel von mir, aber auch viel von Herrn M in ihm. Die Nase und die Augen hat er von mir. Diese tiefdunklen Augen. Dazu das dunkle, dichte Haar. Und wenn er so vom Boden zu mir hoch schaut, ist die Ähnlichkeit zu mir als Baby auf jeden Fall da. Und mehr hatte ich mir ja gar nicht gewünscht.

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11 Gedanken zu “Warum ich ein (leibliches) Kind haben wollte. [Muddi-Artikel]

  1. Oh Anna, wie schön ! Ich kann es sehr gut nachvollziehen was du schreibst – denn ja, man will so gerne ein eigenes Kind haben – und sehen was er von einem abbekommt – egal ob körperlich oder vom Charakter. Das ist so spannend zu erleben ! Und ich freu mich sehr für euch, dass es geklappt hat ! Gruß Dani

  2. Liebe Anna,
    so eine tolle Familie hast Du! Wir sind ebenfalls eine „Patchwork-Familie“: ein Adoptivsohn aus Indien, ein Adoptivsohn aus Aethiopien und wir als deutsche Eltern. Alle zusammen leben wir in der Schweiz.
    Unser kleiner Sohn sagte letztens mit voller Ueberzeugung: wenn ich dann mal gross bin und dann weiss werde… und wunderte sich sehr über die Stille am Tisch. Antwort von uns: das glauben wir eher nicht. Und braune Haut ist doch wirklich wunderschön!
    Ich erkläre meinen Kindern immer, dass es viel mehr braune als helle Menschen gibt auf dieser Welt und dass sozusagen die Weissen der „Spezialfall“ sind und nicht unsere Kinder 🙂
    Gratuliere zum eigenen Kind, das Dir ähnlich ist!
    Mein grosser Junge fragte neulich: kann ich auch eine weisse Frau heiraten? Und wie sehen meine Kinder dann aus? Antwort: klar kannst Du, und Deine Kinder sind sicher supersüss und mehr so beige wahrscheinlich…
    Ganz liebe Grüsse aus der Schweiz
    Alexandra

  3. Liebe Anna!
    Vielen Dank, dass du so private Einblicke gibst. Deinen Blogbeitrag habe ich mit großem Interesse gelesen.
    Ich wünsche dir und deiner Familie ein gutes neues Jahr und komme gerne zum Lesen wieder vorbei.
    Liebe Grüße, Christiane

  4. Liebe Anna, ich lese schon lange hier mit, lange vor eurer Hochzeit schon. Aber ich bin leider Kommentierfaul. 2016 soll anders werden. Und besonders ein so toller Artikel hat es verdient kommentiert zu werden. Danke, dass du etwas so privates mit uns teilst. Rückschläge mussten wir beim Kinderbekommen auch hinnehmen, für mich wäre eine Adoption auch heute noch Thema, aber dazu gehören immer zwei und unser Sohn ist inzwischen vier Jahre alt. Ich wünsche euch alles Gute der Welt!

    Ilona vom Suessblog

  5. Hallo Anna,

    angemeldet habe ich mich vorranig deswegen, weil ich lange in Stuttgart gelebt habe und immer noch im Dunstkreis wohne. Es wird wohl auch immer ein Teil Zuhause sein. Dass nur am Rande, weil ich mich bis dato kaum gemeldet habe. Soviel ich weiß. Aber den Artikel habe ich Wort für Wort gelesn, aller Schläfrigkeit zum Trotz. Ich behaupte einmal ich kann es aus verschiedenen Gründen recht gut nachvollziehen, was du meinst. Vielen Dank, dass du diese sehr privaten Gedanken hier geschrieben hast.

    Muß gerade aufpassen, dass ich hier keinen halben Roman als Kommentar abliefere. Aber eines kann ich sicher sagen – die Ähnichkeit zwischen dir und deinem Sohn ist unverkennbar. Sogar für mich, die ich normal kein großes Auge dafür habe. 🙂

    Ganz liebe Grüße und mindestens ebensoviel Glück für euch drei. Gerade allen Vorurteilen zum Trotz.

    Ash (Rabin)

  6. Liebe Anna,

    ein sehr berührender Beitrag.
    Das Thema beschäftigt mich/uns auch, denn bei uns ist es so, dass sowohl mein Mann (Brasilien), als auch ich (Indien) adoptiert worden sind. 😉
    Da bleibt’s richtig spannend!

    Liebe Grüße und einen guten Start euch Dreien in das neue Jahr!
    Marie

  7. Schön geschrieben. Ich habe mir bisher ehrlich gesagt nie Gedanken über deine Herkunft gemacht. Als ich dich persönlich kennenlernen durfte, hast du mich mit deiner sympathischen Art so für dich eingenommen, dass du eben einfach die Anna-im-Backwahn für mich warst. Egal woher. Trotzdem danke für diesen persönlichen Einblick, ich kann gerade sehr gut verstehen, wie sich Gedanken plötzlich verändern, wenn man einen kleinen Nachkomme erwartet.
    Liebste Grüße
    Julia

  8. Hallo, dein Sohn wird sicher mal ein ganz Hübscher. Meine Tochter wird seit ihrer Geburt immer angestarrt. Einmal musste sie am Pragsattel die ganz bittere Erfahrung machen, dass eine Mutter mit ihrer Tochter das Gleis gewechselt hat. Sie wollte ihrer Tochter den Anblick meiner Tochter ersparen. Meine Tochter ist ziemlich hübsch, hat aber den „Makel“, dass sie mit einer doppelseitige Lippen Kiefer Spalte zur Welt kam.
    Liebe Grüße,
    Petra

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